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Tour de l’Avenir

Wo Diamanten geformt werden

Was ist eigentlich die „Tour de l’Avenir“? Auf deutsch übersetzt ist es wörtlich die „Tour der Zukunft“. Eine für diese Rundfahrt sicher treffende Beschreibung. Die 10-tägige U23-Rundfahrt durch Teile Frankreichs gilt als kleine „Tour de France“ und ist für Rennfahrer in der U23-Klasse das bedeutendste Radrennen des Jahres - sowohl für die Rennfahrer selbst als auch deren sportlichen Leiter ist sie sogar mit der Weltmeisterschaft gleichzusetzen.

Wie bei der großen Schwester - der „Tour de France“ - wird bei der „Tour de l’Avenir“ den jungen Fahrern alles abverlangt. Es gibt Sprintetappen mit Windkanten-Situationen, wellig-selektive Routen und natürlich spektakuläre Bergetappen in den Alpen. Ein Etappensieg, oder sogar der Gesamtsieg, sind in der Regel das Sprungbrett in einen lukrativen Vertrag bei einem der etablierten UCI Teams. Die Liste der Gesamtsieger der letzten Jahre liest sich daher wie das Who-is-Who des professionellen Straßenradzirkus: Nairo Quintana, Esteban Chaves, Egan Bernal, David Gaudu.

Hier werden Diamanten geformt.

Wir hatten die Chance bei der diesjährigen Austragung die sechsköpfige deutsche Nationalmannschaft mit Jonas Rutsch zu begleiten. Jonas war im Frühjahr einer der stärksten U23-Fahrer weltweit und hatte seine erste Saisonhälfte mit dem Sieg bei der U23 Ausgabe des Klassikers „Gent-Wevelgem“ gekrönt. Neben Jonas waren Niklas Märkl, Leon Heinschke (beide Sunweb Development Team), Patrick Haller (Heizomat - Rad-net), Miguel Heidemann (Herrmann Radteam) und Georg Zimmermann (Tirol KTM Cycling Team).

Jonas hatte sich für die Rundfahrt viel vorgenommen. Er wollte im besten Fall um das Podium mitkämpfen. Mit seinen 197cm und 78kg – im wahrsten Sinne des Wortes – keine leichte Aufgabe, gerade wenn er sich mit 55kg leichten Kolumbianern messen muss - allein optisch ein sehr interessantes Bild. Georg war neben Jonas die zweite starke Option für die Gesamtwertung. Für die Sprints hatte man Niklas als Hoffnungsträger im Team und ein Etappensieg war durchaus realistisch.

1. Etappe - Feuertaufe

Auf der ersten Etappe ging es direkt richtig zur Sache: Am Anfang jeder Rundfahrt, sind die Fahrer frisch und wollen sich in Bestform präsentieren. Somit sind die ersten Tage besonders gefährlich und manchmal sogar entscheidender als schwere Bergetappen im späteren Rennverlauf. Diese erste Etappe war somit extrem nervös und es kam zu verschiedenen Stürzen; 4km vor dem Ziel gab es einen großen Sturz, der das Feld teilte. Dadurch fanden sich im vorderen Teil nur ca 30 Fahrer - inklusive Niklas und Jonas. Die Teilung bedeutete, dass Jonas schon auf der ersten Etappe viel Zeit hätte gut machen können, weil die 3km-UCI-Regel bei dem Sturz eigentlich nicht hätte greifen dürfen, da der Sturz 4km vor dem Ziel stattfand. Die UCI entschied allerdings anders und gab allen involvierten Fahrern die gleiche Zeit. Eine Etappe die Jonas also einiges an Energie kostete und für viel Frustrationen sorgte.

2. Etappe - Himmel oder Hölle

Mannschaftszeitfahren ist immer etwas Besonderes, besonders in der Konstellation einer Nationalmannschaft, ergo, ohne die Möglichkeit zusammen zu trainieren. Mit starker Form kann es richtig Spaß machen, aber an einem schlechten Tag wird diese Disziplin ganz schnell zur Hölle auf Erden. Dazu ist das Zeitfahren eine technisch sehr anspruchsvolle Disziplin, in der schon kleinste Ungereimtheiten bei Ablösungen oder Führungslängen große Zeitverluste ausmachen können.

Auf den Flybys ist der Rennverlauf visuell einfach nachzuvollziehen: Die Teams sind wie an einer Perlenkette aufgereiht auf dem Kurs verteilt.

Das Team Deutschland hatte auf dem 32km langen Kurs einen eher mittelmäßigen Tag und kam nie richtig in den Flow. Am Ende standen 1:27min Rückstand auf die Sieger aus der Schweiz in der Ergebnisliste. Für Jonas war das ein kleiner Rückschlag mit Blick auf das Gesamtklassement.

4. Etappe - Doppelspitze

Miguel und Patrick zeigten sich auf der vierten Etappe in der Ausreißergruppe sehr aktiv. Beide hatten es in die acht Mann starke Gruppe des Tages geschafft, die letztendlich den Sieg unter sich ausmachen sollte. Als einzige Nation war Deutschland mit zwei Fahrern vertreten- auf dem Papier ein taktischer Vorteil. Leider jedoch konnte am Ende die numerische Überlegenheit nicht ausgenutzt werden: Im Sprint der Gruppe wurde Patrick siebter und Miguel achter. Dieses Ergebnis allein spiegelt sicher nicht die Leistung oder die ganze Geschichte wider. Vielmehr gehen grosse Kudos an die beiden Fahrer für eine mutige und engagierte Fahrweise.

5. Etappe - up up up

Eine Etappe, die wohl 90% der anwesenden Sportler gerne verbieten würden: Es ging auf dem Segment ‘Aubrac’ für 22km konstant bergauf. Es war auch der erste Tag, an dem Jonas voll an sein Limit gehen musste: im ersten Teil des Anstieges über 20min mit 456W. Das sind fast 5,9W/Kg. Für jemanden, der kein Kletterer ist und dazu noch in der 5.Etappe, eine herausragende Leistung.

Es war ein weiterer Tag, an dem sich eine kleine Spitzengruppe ins Ziel retten konnte. Aus der Gruppe heraus gewann der Ire Ben Healy, der für das Team der UCI startete. Beim Sprint aus dem Hauptfeld wird Patrick starker Zweiter und somit gesamt Neunter der Etappe.

6. Etappe - extrem bescheiden

Für die sechste Etappe hatte sich Jonas viel vorgenommen. 10 km vor dem Ziel wartet ein 2,6 km langen Anstieg auf die Fahrer. Gefolgt von einer 7 km lange Abfahrt, die in den rund 1 km langen Schlussanstieg führt. Jonas wollte an dem erwähnten Anstieg attackieren und alles auf eine Karte setzen. Das Wetter war laut Jonas “extrem bescheiden“ mit zum Teil nur wenigen Metern Sicht. Durch das Wetter geprägt die bis dahin schwerste Etappe. Jonas musste seinen Plan während des Rennens anpassen. Er attackierte nicht am Fuße des Anstiegs, sondern auf der Kuppe und konnte somit als Erster in die Abfahrt gehen, die rennentscheidend war. Jonas hatte in noch nasser Abfahrt alles im Griff und konnte immer mehr Distanz zwischen sich und seinen Konkurrenten aufbauen. Dann flog aus dem Nichts Thomas Pidcock (amtierender U23 Paris-Roubaix Sieger und U23 Cyclocross-Weltmeister) an Ihm vorbei. Jonas, selbst ein exzellenter Abfahrer, hielt einen Sicherheitsabstand ein. Dieser Abstand erweist sich als richtige Entscheidung, denn in der letzten Kurve vor der ansteigenden Zielgeraden stürzte Pidcock schwer. Jonas, der Pidcock folgte, stürzte selber nicht, musste aber so stark abbremsen, dass die Verfolger mit Schwung an Ihm vorbeizogen und er keine Chance mehr auf den angestrebten Etappensieg hatte. Er wurde Fünfter und konnte sich so - einen Tag vor dem Ruhetag - in der Gesamtwertung auf Platz acht verbessern. Zwar wurde der Etappensieg verpasst, aber dafür war Jonas weiter im Rennen, was leider nicht auf Pidcock zutraf, der sich mehrere Wunden im Gesicht zugezogen hat und aussteigen muss.

Ruhetag

Dieser kam sicher zum richtigen Zeitpunkt. Die meisten Fahrer nutzten diesen Tag um locker Rad zu fahren – einige bauten Intervalle ein, um die Spannung in der Muskulatur zu halten. Dazu hoffte jeder Fahrer am Ruhetag in einem schönen Hotel zu landen, was leider meistens nicht der Fall ist. Der Traum des glamourösen Rennfahrerlebens kollidiert hier mit der rauhen Realität des Sportlerlebens.

Der Ruhetag bietet den Fahrern endlich wieder Zeit, sich mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen und sich anzuschauen welcher Strava KOM den Besitzer gewechselt hat.

7. Etappe - Aufholjagd

Nach dem Ruhetag ging es endlich – die Freude wurde wohl nicht von allen geteilt – in die Alpen. Die siebte Etappe sollte der Startschuss für Jonas’ Aufholjagd sein, um den Traum vom Podium weiter zu verfolgen. Doch wie so oft im Radsport kam es ganz anders. Jonas stürzte nach 4km so unglücklich, dass sein Kettenblatt einen Finger aufschlitzte. Er fuhr zwar noch einige Kilometer weiter, aber blutete so stark, dass Ihn der Rennarzt aus dem Rennen nahm. Sein Traum vom Podium der Tour de l’Avenir platzte im Bruchteil einer Sekunde - trotz monatelanger harte Arbeit, Hingabe und einer großartigen Saison. Der Ausstieg von Jonas bedeutete gleichzeitig die Neufokussierung der Deutschen Nationalmannschaft: Georg, der über die Rundfahrt immer besser wurde, konnte diesen Platz nahtlos übernehmen. Am Ende der siebten Etappe stand für ihn der neunte Platz in der Gesamtwertung auf dem Papier.

8.Etappe - All out

Mit 23km eine zwar kurze, aber intensive Etappe: Ein Berg-Einzelzeitfahren? Nein, es ist eine reguläre Etappe, die einfach nur einen einzigen Berg erklimmt. Eine ganz besondere Etappe, die sicher den Horizont der Fahrer erweitert und die Rundfahrt um eine Facette erweitert.

Am Start wärmte sich das gesamte Feld auf der Rolle auf, genau wie vor einem Einzelzeitfahren. Taktisch ist es eine recht wenig komplexe Etappe – einfach All-out und schauen, wo man landet.
Die Nationalmannschaft und vor allem Georg legten ein gutes Rennen hin und so konnte er einen weiteren Platz in der Gesamtwertung gut machen und auf den 8. Platz vorrücken.

9. Etappe

Wenn das Ziel auf 2098m liegt, dann wird es für Sprinter wie Niklas kein schöner Tag. Georg dagegen schien von Tag zu Tag besser zu werden und wirkte fast „frisch“. Er erkämpfte sich am 9. Tag dieser schweren Rundfahrt sein bestes Tagesergebnis mit Platz drei – einen Platz hinter dem gesamt führenden Norweger Tobias Foss.

Der Schlussanstieg auf den Col de la Loze verlangte den Jungs wirklich alles ab. Georg glänzte im ‘Vollgas-Modus’ mit 5.1 W/Kg über eine ganze Stunde und zeigte, welches Potenzial in Ihm steckt.

10. Etappe - Körner lassen

Durch seine herausragende Leistung am Vortag nahm Georg die letzte Etappe auf Platz 6 in der Gesamtwertung in Angriff. Es war eine erneute Bergankunft und da es die letzte Etappe war, wurden nochmal alle Körner auf die Straße geworfen. Georg lieferte auch am letzten Tag eine souveräne Leistung ab und konnte sich um einen weiteren Platz verbessern. So wurde er am Ende fünfter in der Gesamtwertung mit lediglich 1:14min Rückstand auf das Podium.

Die Tour de l’Avenir wurde auch dieses Jahr wieder ihrem Ruf gerecht: Eine knallharte Rundfahrt und nicht ohne Grund das bedeutendste Radrennen für U23-Fahrer. Die Analyse der Strava Uploads aus dem Feld der jungen Fahrer ist beeindruckend: Entgegen der medialen Berichterstattung mit dem Fokus auf die Topfahrer wird deutlich, was für eine Herausforderung dieser Wettkampf darstellt, wie groß die Leidenschaft der Fahrer ist und wie viele Geschichten so eine Rundfahrt erzählt.

Wir ziehen den Hut und wünschen diesen 5 Youngsters viel Erfolg auf ihrer Reise in Richtung Pro-Peloton.

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